Freitag, 27. Mai 2016

In der Wüste



Im Minutentakt taucht der Himmel in bläulich-oranges Purpur. Die unendlichen, gleichmäßigen und zarten Wellen des Sandes, die tagsüber noch bläulich schienen, verfärben sich nach und nach lila.
Farblich bilden der Himmel und die Wüste am Horizont eine Einheit – orange-lila farbige  Pinselstriche gehen vom Horizont aus nach oben, von der dunkel gelben Disk der Sonne in der Troposphäre über die rötliche Stratosphäre bis hin zum edelsten Purpur der Mesosphäre. Der Sand spiegelt die Farben des Himmels wie Wasser. Die Kontraste der einzelnen Farbsegmente werden immer deutlicher, bis die Nacht ihren dunklen Schleier fallen lässt.
Der Mond thront am nächtlichen Himmel zusammen mit den Glasperlen der Sterne seinen weißen Gruß an die Erde. Das Licht der Nacht ist so kalt wie sie selbst. Sie scheint kurz. Zögerlich und schüchtern beginnen die Sterne ihre Unterhaltung. Sie erkundigen sich nach meinem Wohlergehen und nach dem Ziel der Reise. Ich kann jedoch nicht erzählen, was ich nicht weiß.
Wer bin ich, was fühle ich, wohin will oder soll ich – ich habe keine Antworten auf diese simplen Fragen. Ich frage die ehrwürdigen Himmelskörper, ob sie vielleicht eine Antwort auf diese Fragen wissen? Sie sind so weise und sehen so viel – kannten wir uns vielleicht, bevor ich Mensch wurde? Waren sie schon mal Menschen oder ist diese Form des Seins zu simpel für die ewige Schöpfung?
Die silbrige Nacht erreicht ihren monochromen Höhepunkt und im Zenit meiner Offenbarung werden die silbrigen Schatten kürzer und der erste zarte, rötlich-gelbliche kündigt den Beginn eines neuen Tages an.
Wie eine Königin ihren Thron besteigt die Sonne die Himmelsscheibe. Das Licht ihres Heiligenscheins überstrahlt die Sterne und den Mond; das kalte, schwarz-weiße Schauspiel der Nacht weicht im Rhythmus meines Herzens der gelben Farbpallette des Tages. Die Wellen des Sandes erstrecken sich, soweit mein Auge sehen kann – von einem Hügel zum nächsten. Der gesamte Horizont wird von Hügeln umrandet, die, wie Märchenschlösser, im Nebel des Sonnenlichts liegen und dem Himmel ihre staubigen Grüße empor schicken.
Wenn es mir vergönnt wäre, frei zu sein, könnte da der Ort meiner Bestimmung eine Rolle spielen? Diese Frage ist nicht zu beantworten, da das Leben, im Gegensatz zu den Gesetzmäßigkeiten der Sprache, keinen Konjunktiv kennt. Ich weiß aber mit Gewissheit, dass der beste Ort, um die Erde zu verlassen, die Wüste ist. Wie ein Ozean wird sie mein Geheimnis verbergen.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Iljas Welt #7

Zum wiederholten Mal in seinem Leben hatte Ilja das Gefühl, verloren zu haben. Verluste – mit diesem Thema kannte er sich aus; aber der gegenwärtige war ihm der schmerzhafteste. Tief saß der Schmerz seines Schuldempfindens, denn wie immer, wenn er einen Verlust erlitt, fühlte er sich schuldig. Das Schuldempfinden war sein alter Begleiter, ein Freund fast, den er noch lange vor der Liebe kennenlernte, und der jedes Mal zurückblieb und Ilja Gesellschaft leistete, wenn eine Liebe dem Verlust zum Opfer fiel.
Im Grunde war es nichts Unerwartetes, denn Ilja ging stets davon aus, dass seine Liebe zum Scheitern verurteilt ist. Nichts anderes war vorgesehen oder möglich in der Welt, die er sein Eigen nannte. Nur fand Ilja für gewöhnlich einen nostalgischen Zauber darin, sich der Grübelei um seine Einsamkeit hinzugeben, wobei ihm ein leise wimmerndes Schuldgefühl zuflüsterte, dass er im Unrecht sei, während er sich andererseits genüsslich der Vorstellung hingab, eine einsame Seele inmitten der weiten Welt zu sein. Diesmal war etwas anders. Ilja hörte nur das Schuldgefühl, es gab keine nostalgisch-masochistische Gegenstimme in ihm. Ilja war eine von der Schuld geplagte Seele inmitten einer sich der Nacht hingebenden Welt. 
Was geschah mit der Nostalgie? Seit so vielen Jahren war sie seine Begleiterin, wenn er jedes in ihm aufkommende zärtliche Gefühl aus Angst vor etwas, was er nicht beim Namen nennen konnte, dem schicksalhaftem Untergang weihte, was ihn sowohl von der Notwendigkeit, zu fühlen, als auch von der, mit zu fühlen, befreite. Doch Nachts, wenn der sinnlose Traum ihm wiederholt den Schlaf raubte, Ilja dem Wunsch nicht widerstehen konnte, der Welt zu entfliehen und die Flucht vor dem Küchenfenster endete, begann Iljas stille Beichte an den Mond, der auf alles eine Antwort wusste.
Der Mond wusste, wie viel Schuld Ilja in seiner Brust barg und wie schwer sie ihn bei Zeiten atmen ließ. Der Mond wusste auch, welche Sehnsucht Iljas stumpfes Schuldempfinden übertönte, dieses nagende Verlangen nach Etwas, nach Empfindung, nach Leben. Nacht um Nacht trug Ilja dem Mond seinen verzweifelten Monolog vor, gab sich der Trance der Einsamkeit hin, flehte und hoffte, ein Mann zu werden, der dieses zerrende Ritual ablegen kann, um etwas zu tun, was Ilja noch nie bewusst getan hatte – leben.
In der grenzenlosen Einsamkeit seiner vom Mondlicht überfluteten Küche, war Ilja bereit, ein anderer Mann zu werden, als er es bei Sonnenlicht war, wenn ihn die Unsicherheit lähmte. 
Im silbernen Licht war Ilja ein weiser Mann. Er wusste, dass es keinen Grund gibt, sich vor dem Leben zu ängstigen, nach dem es ihn verzehrt. In diesem Licht wusste er, dass das Leben gut war und ihn annehmen wollte. Aber in wenigen Stunden würde es Tag werden, das Licht grell und die Welt würde sich in die Realität verfärben, die ihn wie eine unsichtbare Mauer von dem trennt, was er eigentlich sein möchte: Der weise Mann des Mondlichtes. Er hatte nur noch wenige Stunden, um diesen in sich einzuprägen, ihn sich soweit einzuverleiben, dass wenigstens ein schwacher Funke seiner Einsichten und Empfindungen den realen Ilja der Sonne durchströmen können.
Was für ein Segen es sein muss, dem Verlangen des Herzens unbedacht nachzugeben. Dieser große, unbeschreibliche Kloß, der Anfang und Kern seiner emotionalen Verwirrung, er würde sich auflösen, sobald er selbstvergessen aussprechen könnte, was so herrlich in der Brust brannte. „Ich liebe dich… Lass mich nur mit den Fingerkuppen den Rand deiner Lippen berühren… Lass mich nur den Duft deiner Haut einatmen…“. Oh, herrlicher Mondlicht, wie leicht kamen diese Worte über Iljas trockene Lippen, wenn du dar niederschienst!... 
Wie erschreckend allein die Erinnerung an sie im Licht der Sonne sein wird. Im Licht des hellsten Nachtgestirns konnte er nicht verstehen, welcher Zwang den Sonnen-Ilja an seinem Glück hinderte. Wenige Stunden trennten Ilja von seiner Verwandlung. Die Einsicht in den Zwang würde mit dem aufkommenden Tageslicht den Platz in Iljas Brust einnehmen, der zurzeit die Sehnsucht und Reue eine Herberge waren.
Ilja klemmte seinen Kopf noch fester zwischen den Knien ein. Diesmal wollte er kämpfen. Er wollte mehr aus seinen nächtlichen Einsichten mitnehmen, als die bloße Erinnerung. „Tue es jetzt! Rufe sie an.“ Allein beim Gedanken daran, Isabells Stimme zu hören, wich seine Sehnsucht der Angst. Was, wenn sie nicht zuhören will? Was, wenn sie ihn zurückweist? Sie hätte Gründe dazu. Ilja selbst hat sie so oft zurückgewiesen und mit emotionaler Kälte gestraft; konnte er erwarten, dass Isabell ihm vergibt? Sie hatte immer gefleht, er möge lebendig werden.
 Ilja selbst hat auch immer auf das Leben gewartet. Er hat so viele Nächte damit verbracht, sich der Glut seiner imaginären Leidenschaften hinzugeben. Susanna, die zarte Liebe seiner Jugend, ihre Schönheit, ihre Grazie haben ein Feuer in Iljas Brust entfacht, dass er an seinen Fantasien zu verbrennen drohte. Wie sollte er bloß dieses Feuer ins wahre Leben mitnehmen? Woher sollte er den Mut nehmen, sich derart zu offenbaren? Diese Fragen beschäftigten Ilja seither und er hatte darauf keine Antworten. Er existierte, in der Erwartung, dass eines Tages etwas geschehen würde, was ihn von dem Zwang befreite, sich überlegen fühlen zu müssen. Dieser Zwang resultierte aus der tiefen Angst des Nicht-Gut-Genug-Seins und verlangte eine distanzierte und kühle Haltung ab. Jede Emotion konnte eine Schwäche verraten, deswegen waren Emotionen nur in der Einsamkeit des Mondlichtes möglich; bei Tage und in Gesellschaft dagegen eine wohl anerzogene Freundlichkeit, hinter der sich eine ängstliche Distanz verbarg. 
Für einen kurzen Augenblick seines Lebens, vor langer Zeit, schien es für Ilja greifbar, die Angst und den Zwang durch die ergebene Zärtlichkeit, das Geschenk seiner Jugendliebe, zu bändigen.
In einer kleinen Diskothek am Rande Rahlstedts, die er als Zwanzigjähriger jeden Samstag aufsuchte, um einsam inmitten der Menschenmenge ein Mineralwasser zu trinken, sprach ihn im Sommer 1992 ein Mädchen an. Als Ilja gerade ansetzte, um den letzten Schluck zu trinken, tippte ihn jemand sachte am Ellenbogen an. Er drehte sich nach rechts und sah ein großes, schlankes Mädchen; zart lächelte sie Ilja an mit grünen Zähnen im grellen Neonlicht. „Magst du tanzen?“ Sein Herz schlug plötzlich schneller und die Brust hob sich – war es das, war das die Befreiung? „Ja, gerne.“ Sie tanzten ein Weilchen, sie erzählte ihm, dass sie Anita heiße und aus Rostock komme. Sie wolle in Hamburg eine Anstellung finden und sei vor vier Wochen hier hergezogen. „Kommst du aus Hamburg?“ „Ja, ich wohne hier in der Gegend. Wenn du magst, kann ich dir die Stadt zeigen.“ „Das wäre schön. Hast du morgen Zeit?“ „Morgen… Nein, morgen kann ich nicht. Wie wäre es mit nächstem Sonntag?“ „Gut; rufst du mich an?“ Anita schnappte sich eine Serviette und notierte ihre Telefonnummer. „Ja… danke… ich rufe dich nächsten Sonntag an.“ Sie tanzten weiter; Ilja kaufte Anita ein Getränk und brachte sie ein Stück weit nach Hause. Es war gelogen, dass er am nächsten Tag keine Zeit hatte; es hatte ihm nur Angst gemacht, so unkompliziert einen Menschen in sein Leben hereinzulassen. Aber er ließ Anita herein. Zögerlich-abwartend, was bei ihr ein besonders vertrauensvolles Gefühl erweckt hatte, gestattete es Ilja Anita, ein Teil seines Lebens zu werden. Es war eine aufregende Zeit für Ilja. Ihm schien, als sei er endlich der Liebe begegnet und in seinen Fantasien stellte er sich immer vor, er würde, sobald die Liebe ihn fand, erwachen, ein richtige, glückliches Leben beginnen, weit jenseits aller Ängste und Unsicherheiten. Die Zeit verging, er tat und gab das, was er für Liebe hielt und nahm welche an, ohne dass es in seiner Brust zu diesem heiß stechenden Ausbruch käme, den er regelmäßig in seinen Fantasien erleben durfte. Ilja war verunsichert und verwirrt, eine Liebe ohne diesen Ausbruch hatte er sich nie vorgestellt. Doch es geschah nichts. Die Zeit verging, schon über ein Jahr, aber die zärtliche und kindlich-schüchterne Anita entfachte in Iljas Brust kein flammendes Feuer, nur eine Friedlichkeit, in der Ilja zu dämmern schien. Genau diese Friedlichkeit war es, die Ilja für kurze Zeit eine Illusion der Liebe vortäuschte. Ilja war so sehr versessen auf diesen Gefühlsausbruch, dass er eines unüberlegten Nachts den verführerischen Augen einer anderen jungen Frau folgte. Sie war lebendig und ausgelassen und Ilja trank sie, wie ein Vampir, und pochte in ihrem Rhythmus, aber sie heilte ihn nicht. Das Leben war vor ihm, glühend rief es nach ihm und er biss sich darin fest, aber er konnte es nicht fühlen. Seine Brust blieb leer. Sein Herz schlug schnell, seine Hände kribbelten und die Lippen brannten, aber seine Brust war leer.
Ermattet, beschämt und erstarrt kehrte er im Morgengrauen zu Anita zurück und weinte und flehte in ihrem Schoss um Vergebung. Er fand keine und das war schon der zweite Verlust seines jungen Lebens, den er selbst verschuldet zu haben glaubte.
Verluste… selbstverschuldete Verluste, nicht rückgängig zu machen und auch nicht zu vergeben. Man verliert, wenn man nicht gut genug ist zu erhalten oder zu erlangen, – das war Iljas Wahrheit. Von allen seinen unbedachten Verlusten war Ilja das Licht Isabells der schmerzhafteste. Er hatte sich mit dem dumpfen Schuldgefühl seiner Kindheit abgefunden. Früh, viel zu früh kam Ilja zu der schweren Last, sich für die Einsamkeit seiner Mutter schuldig zu fühlen. Er konnte nicht sagen, wann er es erfahren hat, ihm war, als wäre er mit dieser Schuld auf die Welt gekommen. Er kam nicht dazu, zu fragen, warum er seinen Vater nicht kennt. Der Grund wurde ihm erklärt lange bevor er danach fragen konnte. Er erinnerte sich genau, wie seine Mutter ihm zu Weihnachten ein Rennauto schenkte und, währen er in kindlicher Ungeduld das Geschenkpapier samt der Verpackung in Stücke riss, den Kuchen anschneidend seufzte: „Hätte Peter sich nur vorstellen können ein Kind zu haben, hätte er vielleicht auch einen Sohn gewollt. Dann würdet ihr jetzt spielen können.“ Sie war so allein. Seit Ilja sich erinnern konnte, war sie immer allein. Abends, wenn sie sich nach einem langen Tag, nachdem Ilja ins Bett gebracht wurde, einen Cherry genehmigte, saß sie häufig in ihrem Sessel vor dem Fernseher und führte Selbstgespräche, die Peter galten. Sie erzählte ihm, dass es nicht ihre Schuld gewesen sei, manchmal komme sowas eben unverhofft. Jetzt sei es nun mal passiert, man müsse das Beste daraus machen. Sie würde es schon schaffen, auch ohne Peter. Andere Frauen hätten es auch geschafft und wenn Ilja erst mal flügge sei, dann werde sie schon glücklich werden, auch ohne Peter, er werde schon sehen.
Ilja wusste um jedes einzelne dieser verbitterten Selbstgespräche. Doch während die Mutter sprach, stellte er sich jedes Mal schlafend, gar für sich selbst. Er versuchte so sehr seinen Schmerz und sein Schuldgefühl darüber zu verdrängen, dass er der Grund für die Einsamkeit seiner innig geliebten Mutter war, dass er zuweilen bestrebt war, sich in der Dunkelheit aufzulösen. Aber es gelang ihm nicht. Er war immer da und konnte hören, wie sie ihren Schmerz pflegte. Sie tat es Abend für Abend und jedes Mal fiel Ilja in den rettenden tiefen Dämmerschlaf, in dem ihn seltsame Wesen verfolgten und ihm genau die Pein androhten, von der zu fliehen er so sehr bestrebt war. So lernte Ilja das Unvermeidliche kennen. Er hat seine Mutter so sehr geliebt und sich so sehr Liebe von ihr gewünscht – aber er wusste nicht, wie er das artikulieren sollte. Wie sollte er ihr sagen, dass die Liebe, die Geborgenheit, die Peter ihr, sobald er von ihrer Schwangerschaft erfuhr, entzogen hatte, inzwischen Fleisch geworden war und darum flehte, gesehen zu werden. Nicht gepflegt oder versorgt, – gesehen.
Als erwachsener Mann saß Ilja auf dem Boden seiner Küche und fragte sich, wer er war. Alles, was er je bewusst gewesen war, war Schmerz. Schmerz darüber, dass sein Vater ihn verschmähte, ohne ihn angesehen zu haben, Schmerz darüber, dass seine Mutter es ihm nie vergeben konnte, dass sie seinetwegen verlassen wurde; Schmerz seiner vermeintlichen Schuld. Nichts zerfrisst die Seele eines Kindes so sehr, wie eine selbst aufgebürdete Schuld, die, die weder erfasst noch getragen werden kann.
Was bedeutet Schuld? Kein Philosoph und kein Narr kann es beantworten. Aber der kleine Ilja wusste es genau. Schuld war die Verantwortung für etwas, das er nicht zu beeinflussen vermochte. Seine bloße Existenz war Schuld, denn sie verursachte Leid, trennte Liebende. Für den kleinen Jungen, der sich im Takt seiner schluchzenden Mutter in der Dunkelheit auflösen wollte, bedeutete das Sein die Schuld; zu viel für einen unmündigen Geist. Die Schuld ist eine Ausgeburt der Angst vor dem Verlust. Und Ilja kannte den Verlust lange bevor er die Geborgenheit kannte. Die Angst ließ ihn erstarren; sie war seine eigentliche Gebieterin. Er hatte stets so viel Angst, eine Frau könnte so viel Macht über ihn erlangen, wie sie seine Mutter hatte. Gisela konnte er diese Macht nicht entziehen – sie schenkte ihm das Leben und das hatte seinen Preis. Erst für sie und jetzt auch für Ilja. Aber niemand sonst auf der Welt durfte Iljas Seele beherrschen. Ja, genau das war es, was er unter Liebe verstand: Beherrscht zu werden. Wenn er geliebt wurde, hat er geherrscht, wenn er geliebt hat, wurde er beherrscht. Ist Leidenschaft von der Liebe zu trennen? Da Ilja es nie gewagt hat, zu lieben und auch sonst außerstande war, zu empfinden, glaubte er die Antwort nicht zu kennen. Wie sollte er auch ahnen, dass es darauf keine Antwort gibt? Das Leben ist eines der wenigen Dinge, die sich nicht theoretisch erfassen lassen. Das war eine Einsicht, von der Ilja sehr weit entfernt war. Wenn er leben wollte, musste er sich nur dessen bewusst werden, dass er seit 40 Jahren dabei war, es zu leben. Aber sein mutiges, erwachen wollendes Bewusstsein löste sich auf in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Es schlug die Stunde der Angst 

Samstag, 5. Dezember 2015

Im Schatten des Feuers #2



Freja beschloss, das Kaminzimmer für das Essen umzufunktionieren; der große, kurzbeinige Couchtisch wurde von Büchern und Malstiften befreit und mit Tischdecken, Kerzen und wundersam bestickten Stoffservietten geschmückt. Der dampfende Gemüseeintopf verbreitete seinen einladenden Duft über die gesamte Stube.
Behaglichkeit hielt Einkehr, als die Kinder sich auf Kissen und Decken um den niedrigen Tisch herum versammelten. Gunda war noch immer aufgeregt und machte sich laut Gedanken über die Möglichkeiten der Monteure bei der Reparatur der Straßenlaternen.
„Werden sie auch nicht runterfallen? Was, wenn die Säulen der Laternen genauso brechen wie die Kabel, weil sie gefroren sind?“,- fragte sie Freja, ihren Teller entgegennehmend.
„Aber Gunda, im letzten Winter sind doch auch ein paar Maste bei Sturm umgefallen, erinnerst du dich? Und dann kamen die Arbeiter von der Stadt und haben sie repariert; niemand ist runtergefallen. Sie wissen, wie sowas geht“,- suchte Elmar sie zu beruhigen, während er, nach Zustimmung haschend, heimlich zu Freja blickte.
„Beruhigt euch Kinder! Die Monteure haben eine Ausbildung und eine Ausrüstung, sie beherrschen ihr Handwerk. Aber morgen ist Samstag, sie werden also nicht vor Montag früh hier sein. Macht euch keine Sorgen. Wir haben zu essen und wir haben genug Brennholz für den ganzen Winter. Wir übernachten einfach hier! Wir klappen das Sofa auf und ihr holt eure Schlafsäcke hierher. Wir zünden mehr Kerzen an und es wird wie beim Zelten am Lagerfeuer sein, nur, dass wir im Haus zelten.“.- Großmutter reichte Elmar das Brott und machte es sich ebenfalls auf den Decken gemütlich.
„Wisst ihr, als ich klein war, hatten wir abends manchmal kein Licht. Das wurde abgestellt; dann saßen wir auch bei Kerzen am Küchenfeuer und haben uns vom Tage erzählt, was es so Spannendes gegeben hat. Was habt ihr heute Schönes gemacht, bevor der Sturm kam?“.
Gunda blickte ungläubig zu Freja.
„Kein Licht am Abend? Wie habt ihr dann die Nachrichten geschaut? Oder wie habt ihr Ole Lukaeje geschaut?“.
„Ole Lukaeje haben wir damals nicht geschaut, mein Schatz; wir haben über ihn gelesen! Manchmal, wenn wir besonders brav waren, erzählte uns meine Großmutter Geschichten, von Göttern und wie die Welt wurde; sie kannte viele davon.“
„Was für Geschichten hat dir deine Großmutter erzählt?“,- wollte Elmar sogleich wissen.
„Wie hieß deine Großmutter?“,- fragte Gunda.
„Meine Großmutter hieß Vilde. Als ich so klein war, wie ihr jetzt, hat sie abends das Essen zubereitet und ich habe ihr geholfen. Sie erzählte mir dabei die Geschichten der alten Wikinger; sie liebte diese Sagen.“.
„Was war deine Lieblingsgeschichte?“
„Ja, erzähl uns deine Lieblingsgeschichte!“
„Einverstanden. Da es wohl etwas länger dauern wird, eher das Licht repariert wird, vertreiben wir uns die Abende mit guten Geschichten. Ich mache den Anfang und ihr könnt in den folgenden Tagen weitermachen, mit euren Geschichten. An eine Sage aus den Kindertagen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war eine meiner Lieblingsgeschichten, als ich klein war. Sie ist schaurig und heldenhaft – das muss sie auch sein, schließlich handelt sie von Göttern.
„Es war zu einer Zeit, da die Welt noch so jung war, dass sie alles, was war, zum ersten Mal erlebte. Sie formte sich unter dem Einfluss der Wanen und der Asen, sie gewann an Kontur und nahm ihre gewohnte Form an. Nach dem die Welt aus den Überresten Ymirs wurde, ward sie jeden Tag ein wenig mehr. Die verträumte Saga verfasste viele Ferse und Zeilen über diese Zeit, die alle nachfolgenden Völker aufbewahrt und weitererzählt haben. Darüber, wie der Regen kam, wie die Sterne und die Flüsse wurden; was der Donner war und wen der Regen beweinte. Die Menschen fürchteten ihre Götter und suchten sie durch Opfergaben und Rituale sie für ihre Belange milde zu stimmen und deren Gnade zu erlangen. Doch ihre Götter waren zuweilen sehr blutgierig und kannten keine Gnade. Denn auch für sie war die Welt neu; auch sie erlebten alles zum ersten Mal und waren überwältigt von ihren Gefühlen und ihrer Schöpfung. So wenig sich die alten Götter ihrer Schöpferkraft bewusst waren, so sehr verdrängten sie ihr eigenes Schicksal, welches ihnen im Ragnarök den eigenen Sündenfall und Untergang prophezeite.
Sie formten die Welt mit ihren Gedanken, Worten und Taten; sie formten sie, ohne jeden Plan, verloren im Sog ihres täglichen Treibens.
Eines Tages geschah es, dass der Himmel sich verdunkelte, die Winde wehten und die Erde erzitterte; ein Erbeben ereignete sich, das erste in der Geschichte der Zeit. Es richtete großes Leid an; die Menschen waren panisch, sie fragten sich, was sie falsch gemacht hatten, dass ihnen dieses große Leid zuteilwurde? Wie so oft, blieben die Götter auch diesmal lange Zeit stumm und gaben den Flehenden keine Antwort. Irgendwann aber hatte die Saga Mitgefühl mit den vielen Leidenden und Betenden und ließ den Menschen eine Legende darnieder. Die Legende vermochte nicht, das Leid zu lindern; sie war nur eine schwache Erklärung, mit der sich die Erdensöhne bescheiden mussten.
Der Zorn der Götter galt nicht der Menschheit; er galt dem listigen Loki, der das Leben in Asgard und Midgard hinterlistig zu lenken wusste. Er leitete den Anfang vom Ende ein: Es war der Beginn des Ragnarök, mit dessen Erfüllung sich auch die Götter ihrem Schicksal ergeben müssen würden.  
Das Unheil fand seinen Anfang da der schöne und herzliche Balder, Friggas und Odins Sohn, unter allen Asen und auch unter den Wanen sehr beliebt ward. Er befahl über das Licht, die Gerechtigkeit und die Sonne und tat es derart zur Freude aller, dass er gleichermaßen in Asgard, Midgard und Wanaheim verehrt wurde. Eines Nachts, da hatte Frigga einen bösen Traum: Balder ward ihr erschienen, der inmitten tanzender Asen leblos zu Boden fiel. Von diesem Traum zutiefst beunruhigt und betrübt, erzählte Frigga ihrem Gemahl Odin von ihrer Vision. Auch Odin war von Friggas Traum sehr verunsichert; er ließ die düstere Seherin Hel, die Hüterin und Gebieterin der Unterwelt, befragen, ob sie etwas über einen bevorstehenden Tod Balders wisse. Hel sagte, Balder werde in ihrem Reiche bereits erwartet. Sein blinder Bruder Hödur werde ihn töten; so sei der Wille des Ragnarök.
Frigga war eine stolze Göttin; unter keinen Umständen war sie bereit, sich dem Schicksal zu ergeben. Und so ließ sie alle Geschöpfe am Himmel und auf der Erde einen heiligen Eid schwören, dass sie nie, auch nicht in Gedanken, Balder etwas anzutun vermögen. Und alle Geschöpfe und Götter taten, wie ihnen geheißen, denn Balder ward unter allen Lebenden sehr beliebt.
Auch der arglistige Loki nahm am Rate der Götter teil und nahm die Gestalt eines arglosen Bettlers an. In dieser gefahrlosen Verkleidung gelang es ihm, der liebenden Frigga ihr Geheimnis zu entlocken: Sie hatte alle den heiligen Eid schwören lassen, alle, bis auf einen. Auf der Eiche vor Walhallas Tor wuchs der Mistelstrauch, den Frigga nicht hat schwören lassen, weil er ihr zu schwach und zu unbedeutend erschien. Doch diese Sorglosigkeit sollte ihren Plänen zur Schwäche gereichen.
Der ruhelose Loki machte sich auf und schnitzte aus dem Mistelstrauch einen Pfeil. Danach begab er sich in den Kreis der Asen, die sich inzwischen ein lustig Spiel und Zeitvertreib daraus machten, Geschosse nach Balder zu werfen, da jedes einzelne sein Ziel verfehlte. Allein der blinde Hödur, stand abseits des bunten Treibens und vertrieb sich die Zeit, in dem er an Blumen roch.
„Wie soll ich mitspielen, da ich doch blind bin?“,- entgegnete er auf Lokis Nachfrage und wandte sich ab.
„Spanne du den Bogen; hier ist ein Pfeil. Ich kann für dich zielen“. Der blinde Hödur tat, wie ihm geheißen. Er spannte den Bogen mit Lokis Pfeil und ließ seine Hand vom Verräter führen. Der liebliche Balder fiel leblos zu Boden.
Großes Leid brach unter den Göttern aus. Doch schon bald schlug alles Entsetzen in Wut um und die Götter fingen an, nach den Schuldigen für Balders Tod zu suchen.   
Odin gelang es, den Zorn der Götter von Hödur abzuwenden, da er doch nur das dem Balder vorbestimmtes Schicksal erfüllte.
Trauer breitete sich in Asgard und in Midgard aus; Götter, Menschen, Tiere und Pflanzen betrauerten ihren geliebten und verehrten Sonnengott. Nannas Herz brach vor Gramm und Verzweiflung, als ihr geliebter Ehemann auf seinem Sterbebett zur letzten Reise gebettet wurde. So verzweifelt und untröstlich schrie sie und schlug um sich, dass die Götter sie mit auf Balders Schiff und nebst seinem Scheiterhaufen dar niederlegten. Die Riesen schoben das Schiff in die See. Der Fahrtwind nahm auf den Wellen zu und die Flamme griff um sich. So ging Balder samt seinem treuen Weib ein letztes Mal über die See.
Tief und voller Verzweiflung trauerte Frigga um ihren Sohn. Untröstlich in ihrer Trauer suchte sie nach einer Möglichkeit, Balder aus dem Reiche der Hel zu befreien. Auf Friggas Flehen hin entschloss sich der Götterbote Hermod um die Befreiung seines Bruders bei der grauen Hel zu bitten. Odin gab Hermod seinen Ross Sleipnir, der den Weg ins Reich der Toten kannte.
Lange und unermüdlich ritt Hermod durch alle Lande Asgards und erreichte zur neunten Nacht die Brücke, die zum Reiche der Hel herabführte. Hermod stieg herab und sah sich im Totenreich um; alsbald sah er seinen Bruder Balder, der schlaftrunken und bleich in den liebenden Armen seiner treuen Nanna lag.
Wie sehr Hermod auch flehte und bettelte, die düstere Hel blieb unerbittlich; unter keinen Umständen wollte sie Balder gehen lassen.
„Wer einmal gestorben ist, bleibt meinem Reiche verfallen“,- wiederholte sie mit schwermütiger Gleichgültigkeit. „Auch Balder gehört von jetzt an mir!“.
Hermod jedoch ließ sich nicht abweisen und ersuchte immer herzerweichendere Bilder, um der Hel dunkles Herz zu erweichen. Und so kam es, dass sie schließlich einwilligte.
„Ich will der Bitte der Göttin nachgeben und Balder die Freiheit wiedergeben. Wenn alle Geschöpfe der Welt, Lebende wie Tote, Menschen wie Götter, Tiere wie Pflanzen Balder einen Tag lang beweinen, so will ich ihn freilassen. Wenn aber auch nur ein einziges Geschöpf ihm seine Tränen verweigert, dann bleibt Balder für alle Zeiten in meinem Reich!“. So sprach die düstere Hel und wandte sich von Hermod ab.
Hermod aber eilte nach Asgard mit der frohen Botschaft der Hoffnung, um den Willen der Hel kund zu tun. Voller Zuversicht sandte Frigga Boten in alle Teile der Welt , um alle Geschöpfe, Tote wie Lebende, Menschen wie Götter, Pflanzen wie Tiere für Balders Heimkehr zu gewinnen. Alle Wesen der Welt weinten um ihren gefallenen Lichtgott. Dennoch kam Balder nicht zurück. Da glaubten die Asen, dass hier der listige Loki sein finsteres Treiben fortsetzte. Inmitten des Entsetzens um Balders Ermordung und der großen Hoffnung um seine Rückkehr, floh Loki nach Riesenheim und verbarg sich dort, seine Gestalt immer wechselnd. Nach einiger Überlegung und Weissagung ersannen die Asen, dass es der durchtriebene Loki selbst war, der die Tränen um Balder verweigerte. Hastig und gnadenlos waren Odin und Frigga auf der Suche nach Loki. Lange Zeit verbarg er sich in der Einsamkeit Riesenheims; eines Tages aber wusste er, dass Odin ihm dicht auf den Fersen ist. Da floh er erneut, verwandelte sich in einen Lachs und verbarg sich unter einem Wasserfall. Der friedliebende Njörd, der großes Mitgefühl mit Friggas Kummer empfand, trug es seinen Wassergeistern auf, Odin die Wahrheit über Lokis Verbleib zu sagen. Da nahmen Odin und seine Helfer ein Netz und fingen Loki damit.
Die Rache der Asen war so grausam wie Lokis Verbrechen. Sie führten ihn auf eine Insel im Reiche der Hel und schmiedeten ihn dort an einem Felsen fest, so, dass er kein Glied mehr zu rühren vermochte. Über Lokis Haupt befestigten die Rächer eine Natter, die ohne Unterlass Gift in das Antlitz des Verdammten träufelt. Lokis treue Gattin Sigyn lindert sein Los nach Kräften – Tag und Nacht sitzt sie neben ihm und fängt das Natterngift in einer Schale auf. Doch wenn die Schale einmal voll ist, muss sie aufstehen, um sie auszuleeren. Dann spritzt die Natter ihr Gift in Lokis Gesicht und er schindet und windet sich vor brennendem Schmerz, dass ganz Midgard erzittert. Dann bebt die Erde und erinnert die Götter daran, dass auch sie ihrem Schicksal unterliegen und dass Ragnarök unvermeidlich ist und immer näher rückt.“[1]-

Gespannt und weltvergessen lauschten die Kinder ihrer Großmutter. Der Sturm legte sich inzwischen und die dunklen Straßen waren erleuchtet vom Licht des Mondes. Das Rauschen des Kaminfeuers und der Duft des frisch aufgekochten Kakao lag in der vom Kerzenschein erwärmten Luft.

„Diese Geschichte erzählte mir einst meine Großmutter. Und sie hatte sie wiederum von ihrer Großmutter. Wenn ihr einmal so alt seid, wie ich, dann werdet auch ihr diese Geschichte euren Enkelkindern erzählen.“ …

Donnerstag, 12. November 2015

Im Schatten des Feuers #1



Die Sonne ließ sich in Troms seit Tagen nicht mehr blicken. Vor dem Fenster des kleinen Häuschens erstreckte sich der tiefste Winter. Auch alle benachbarten Häuschen lagen unter der weichen, weißen Schneedecke. Der dichte und geheimnisvolle Wald, der sich um Prestvannet herum erstreckte, schwand hier und da, um der winzigen Siedlung seine beschauliche Lichtung anzubieten. Die Lichtung war nur eine Insel inmitten der Birken, die ihr grünes Gewand unlängst gegen die winterlichen Brautkleider eingetauscht haben.
Der See war stellenweise zugefroren; dort, wo die Sümpfe gnädig blieben, erstreckten sich Birken, die ihren Lebensraum großzügig mit Eichen, Kastanien und Eschen teilten. Alles trug weiß – die Böden, die letzten tapferen Blättchen, die es dann und wann geschafft haben, sich am Gestrüpp zu halten; die Stämme und die Äste, die sich zu weiß gekrönten Kronen vereinten.
Inmitten dieses Wintermärchens stand das Haus der Nilssons am Rande einer Landstraße. Auf der anderen Seite der Straße nahm der Wald sein Gebiet wieder in Besitz; erst zögerlich, mit wenigen kleinen Birken und Gestrüpp; dann mutiger, mit kräftigen und dicht bewachsenen Bäumen und schließlich entschlossen und undurchdringlich, bis er kurz vor dem Ufer des Prestvannet dem moorigen Sumpf weichen musste.
Die Laternenmaste entlang der Landstraße glichen einer durch silberne Fäden miteinander verknüpften Königsgarde, die inmitten royaler Dunkelheit eine Lichtparade abhielten.
Das Haus war weiß und mehrstöckig. Den zweiten Stock und das Dachgeschoss verzierten jeweils ein größerer und ein kleinerer hölzerner Austritt mit schlichten Querbalken. Das ganze Haus bestand aus diesen schlichten Sprossen und war umgeben vom kleinen, verwilderten Gärtchen zur seiner Rechten und einer Wiese zur seiner Linken. So stand es, stolz und majestätisch auf einem kleinen Hügel, der es über alle anderen Häuser in der Gegend gerade so viel erhöhte, dass acht Stufen und eine leichte Steigung des Pflasterweges vonnöten waren, um das von einer altmodischen und einsamen Gaslaterne beleuchtete Domizil zu erreichen.      
Allein die Uhr im Wohnzimmer der Nilssons bestimmte den Tagesablauf von Elmar und Gunda. Da die Geschwister mit ihren sieben und acht Jahren noch viel zu jung waren, um darauf zu achten, oblag es der Güte der Großmutter Freja, der immerwährenden Nacht des norwegischen Winters den Schleier des von unserer Lebensart geforderten Rhythmus aufzuerlegen.
In der Zeit der Weihnachtsferien war keine Strenge gefragt; märchenhafte Romantik lag in der Luft und knisterte im Kaminfeuer. Der Samstag neigte sich dem Ende zu und bescherte dem aus der Zeit gerissenen Zuschauer in der knisternden Kälte der vom Raureif belegten Flora das wundersame Schauspiel des geheimnisvollen nächtlichen Leuchtens der nordischen Luft.
Elmar und Gunda saßen im weichen Licht des Kaminfeuers. Das Wenige, das sie für das Blättern ihres Kinderbuches brauchten, spendete ihnen die kleine Funzel über der großen Chaiselongue, in der sie beide Platz fanden. Das Knistern des Feuers im Kamin vertonte sein magisches Schattenspiel an den Sprießeln der hölzernen Decke. Es erzählte sein eigenes Märchen des Werdens und Vergehens; zu lang und zu verzagt für kindliche Gemüter und daher nicht vernommen.
Die Uhr schlug sieben; der kleine Kuckuck schrie die Zeit in die Welt hinaus und zog sich zurück. Der Wind nahm die Arbeit auf, fegte den Raufrost von den Ästen und wirbelte allen Schnee auf, der nicht unter einer kleinen Kristallkruste seine vorerst letzte Ruhe fand.
Noch bevor der Kuckuck den Fortgang der Ewigkeit zur vollen Stunde ein weiteres Mal hinausschreien konnte, erwuchs aus dem kleinen Schneewirbel im Garten ein wahrhafter Wirbelsturm. Er schüttelte die Bäume und durchbrach die dünne Kruste des am Boden liegenden Schnees; nahm ihn mit und verwandelte die Dunkelheit in einen weißen Nebel, der hier und da durch die weißen Flecken der Straßenbeleuchtung aufgehellt wurde. Auch die Geräuschkulisse veränderte sich und gesellte dem friedlichen Summen des Kaminfeuers das wilde und unbeherrschte Heulen des heimatlosen Windes. Er erzählte andere Geschichte, von Sehnsucht und Verlust und er tat es laut und unbeherrscht.
Ängstlich schmiegten sich Elmar und Gunda aneinander und flehten um Geborgenheit vor der düsteren Sage des Sturmes. Großmutter Freja zog die dünnen Gardinen zu und forderte die Glühlampe auf, die Geister des Sturmes zu vertreiben. Das ging für einige Minuten gut; dann holte der Sturm auf. Er kämpfte mit aller Kraft gegen die Fensterscheiben, an die er mit Schneekristallen und Strauchästchen anklopfte und gegen das Licht, das er immer mehr im weißen Nebel des Schnees zu ertränken suchte. Plötzlich hörte man ein entsetzliches Knacken; eine der Straßenleuchten, vom Sturm verbogen, gab nach und zerbrach, wie ein Streichholz. Die silbernen Fäden der Kabel zischten und zerbrachen wie gläserne Stäbchen. Graue Finsternis zerrann über Soltungvegen und allein das schüchterne, aber beständige Kaminfeuer erzählte seine leise Geschichte und beschenkte hingebungsvoll mit Licht und Wärme.
Gunda und Elmar waren voller Furcht; es war Sonnabend und mit einem Rettungsdienst für die Stromleitungen war vor Montag nicht zu rechnen, zumal sich das Telefon zusammen mit dem Licht aus der Reichweite des Gewohnten entfernte.
Der Sturm wütete in der Dunkelheit und sang in aller Stärke das Lied der Zerstörung. Freja eilte in den Vorraum und brachte so viel Brennholz mit, wie sie tragen konnte, um das Chaminée zu ermutigen, sein Schattenspiel wieder aufzunehmen. Von dem Augenblick an, als die Dunkelheit die Straßen eroberte, vertonte der tobende Schneesturm das Spiel an der Holzdecke.
Gunda weinte und wollte sich nicht trösten lassen; Elmar blickte hilfesuchend zu Freja hoch. Was sollte sie machen? Das Abendessen ward fertig; ein Essen bei Kerzenschein schien ein guter Anfang, um die Kinder mit der Nacht zu versöhnen. ...