Freitag, 19. Juni 2015

Monddialog #3



… kühl ergießt sich die Nacht und gibt den Mondsichel frei. Es ist die Zeit des Erwachens. Der zunehmende Schatten birgt meine Schwermut: die Jahrmillionen haben mich müde gemacht. 
Des Menschen Empfindungen haben mich erschöpft, wenn ich sie auch nie selbst gefühlt habe. Die höchste Entzückung, die tiefste Niedergeschlagenheit, gar die selbstloseste Liebe ist so vergänglich wie der Mensch selbst; und trotzdem messen sie dieser ihrer Sentimentalität so viel Bedeutung bei; können ohne sie nicht sein.
Epochen sind vergangen, Staaten entstanden und untergegangen, Religionen wurden geboren und verworfen – aber der Mensch glaubt, das von ihm Empfundene sei für die Welt, für mich, so neu und aufregend wie in seiner eigenen Brust. Manche kommen dahinter. Sie werden mit den Jahren ihrer eigenen seelischen Sinnlichkeit genauso müde, wie ich es ihrer bin. Dann ist es für sie an der Zeit zu gehen – das Leben duldet nur diejenigen, die daran hängen.
Mein müder Blick überfliegt das in Dunkel getunkte Tal; die Bäume flüstern ihre Geschichten, das Gras wispert himmelwärts, als ich spüre, wie jemand seine stille Verzweiflung direkt in mein Inneres fließen lässt.
„Warum sind wir da? Ist das Leben eine Aneinanderreihung von Möglichkeiten, die unausweichlich im Tode endet?“
„Nein, siehe doch – der Mond ist älter als die Menschheit. Er hat ihre Geburtsstunde erlebt; er weiß um den Sinn des Lebens. Würde er denn scheinen, wenn es keinen gäbe?“
Ich kann nicht anders und teile im Gegenzug meine Wehmut mit. Die Ewigkeit hat begonnen, als alles, was ist, erwacht und geworden ist. Man sollte sie besser Endlosigkeit nennen, denn sie hat einmal begonnen und endet nie. Welchen Sinn soll die Unendlichkeit schon haben, als den, der ihr zu jeder Stunde gegeben wird? Allein die Suche ist immerwährend, nicht ihre Ergebnisse.    
So speisen wir einander – ich kann mich von der Hitze des Wunsches eines kurzlebigen Wesens und seiner Notwendigkeit für das Jetzt beleben lassen, auf dass mir die Weisheit in der Ewigkeit nicht bitter schmecken möge. Ich scheine hernieder und zeige im Schattenspiel ihrer Seelen, dass Friede die höchste Wonne ist, nicht die Hoffnung.
Ob sie verstehen? Die Stunde schlägt Romantik; ergriffene Herzen hören nur ihren eigenen Klang. ...

Der Ruf



In der Tiefe der Nacht suche ich einen festen Punkt, um mich aufzurichten.
Geschlagen und gemartert bin ich, jedes Gefühl in mir ist betäubt – ich nehme keinen Raum ein und habe keine Umrisse.
In meiner Welt glaubt jeder das Erdenleid auf seiner Seite – wenn ich also dem meinen einen Ausdruck verliehe, setzte ich nur einen weiteren Punkt in einer endlosen Geschichte. Gelindert wäre dadurch nichts. Ich schenkte einen Teil meiner Geißel dem opferbereiten Zuhörer, doch mein Herz erleichterte dies nicht. Die Welt wiegte genauso viel wie vorher und eine Änderung dessen, was ich Wirklichkeit nenne, wäre damit auch nicht herbeizuführen.
Es scheint mir beizeiten surreal, welche Welt wir uns aufgebaut haben. In der Theorie verstehen wir wohl, dass es so etwas wie die Wirklichkeit oder die Realität nicht geben kann. Ein jeder von uns hat seine eigene Sichtweise, sein eigen Verständnis dessen, was geschieht. Wir gebrauchen dieselben Begriffe, obwohl jeder von uns dem Gesagten eine andere Bedeutung zugrunde legt. Die Vorstellung, dass es einen Gott und so etwas wie einen Lebensplan für einen Menschen gäbe, mag für den Atheisten eine Absurdität sein. Und dennoch lebt er in derselben Welt, wie derjenige, für den diese Behauptung ein Fundament darstellt – beide glauben sie sich dieselbe Realität zu teilen. Wenn sie sich darüber unterhielten, was käme für beide raus? Es scheint paradox, wie sie sich in dem verweltlichten Wort „Realität“ vereint glauben, durch ihre Lebensanschauung getrennt sind – und in der Unendlichkeit des Universums dennoch eins.
Immer wieder kehre ich zu dem Punkt zurück, an dem meine Seele in ihrer eigenen Glückseligkeit flatterte – obwohl ich mich damals in derselben Realität befand wie heute.
Wie begierig ich mich der Kindheit entsinne. Was gäbe ich heute für diese Kraft des Gemüts, sich scheinbar grundlos zu bezaubern. Am Sonnenschein, am Schmetterling, an der Blume, dem Regen, dem Schnee, der Luft; dem Erwachen und dem Entschlafen, dem Werden und dem Vergehen. Wie sehne ich mich nach der Zeit, als mir jeder Gedanke an ein Vergnügen Kribbeln der hoffenden Vorfreude verursachte. Selige Jugend, ich gedenke deiner. Ich will an die Wiedergeburt glauben – nur um dir wieder zu begegnen. Jahre meiner weisen Ruhe würde ich hergeben für einige Stunden deiner hochgestimmten Entzückung. Nur die Erinnerung an dies holde Gefühl ist mir geblieben; sie vermag nicht mein Jammertal zu überqueren.
Ob ich in den Jahren meiner Glückseligkeit die Umrisse meines Wesens kannte? Ich weiß es nicht. Glück stellt keine Fragen.
Kurz vor der Dämmerung ist der Himmel am dunkelsten. Ich sehe die Sterne und weiß, dass sie die Antwort kennen. Ich will hören, was mir die Unendlichkeit zu sagen hat. Wer kann vernehmen, was ich in mir trage, wer ist mein Verbündeter in diesem Kreislauf des Aufrichtens und des Niederfalls, genannt Menschenleben? Wie immer, wenn ich strauchele, zerre ich an meinem Quell, ersuche es um Kraft und Weisheit – wenn ich auch nicht die Umrisse meines Wesens kenne, so weiß ich um den einen Ursprung, diesen einen nährenden Strang in meinem Leben. Ich ergreife ihn, ich drücke ihn an meine Brust und beginne, seine Kraft zu spüren. Womit verbindet er mich?
Rohe Kräfte schlummern in dem Urquell meiner Ahnen. Ich gewähre Einlass ihren Seelen und verbünde mich mit ihren Energien. Finster erheben sie ihre Häupter und begutachten, wer ihre ewige Ruhe zu stören gewagt. Ich knie nieder und reiche ihnen meine Seele – auf dass sie mir sagen mögen, wie ich ihr gerecht werde. Durch die Unendlichkeit hindurch sind wir verbunden und der Knoten dieser Verbindung schlägt in meiner Brust. Sie gestatten mir den Einblick. Geräuschlos öffnet sich die Dunkelheit und ich sehe sie, meine eine Verbündete in der Ewigkeit, die weiß, wie mir zumute. Sie kennt meine Weiten nur zu genau, denn auch sie misst keine Grenzen. Wie auch ich, lag sie oft in Schutt und Asche, hat ihre Vergangenheit verdrängt und sich um ihre Zukunft gebracht. Sie wurde geplündert und zerstört, aber sie war. Sie ist geächtet, aber sie ist.
Welchen Schmerz sie auch auszuhalten hatte – sich nährte sich damit, sich und ihre Kinder, die durch sie hindurch eine Wehmut wähnten, die bis zu den Anfängen reichte. Geheimnisvolle Seelen schuf sie, von der Welt gleichermaßen bewundert und verkannt. Wild und befremdlich schien sie den geschlossenen Reihen der Abendländer, die auf der Suche nach Reichtum kamen. Und sie fanden Reichtum vor, aber ein anderes, als sie gesucht. Unbeherrscht in ihrer Empfindung konnte sie weinen in Freude und lachen im Schmerz. So oft wurden ihre Grenzen wegradiert und neu gezeichnet, dass sie an Bedeutung verloren. Durch die Tiefe ihres Herzens hat sie ihre Kinder eine Leidensfähigkeit gelehrt, die Furcht und Bewunderung hervorrufen auf dieser Welt. Nichts macht ihr Angst und wenn eine neue Epoche sie in ihren Grundmauern erschüttert, lacht sie und feiert den nächst anfallenden Niedergang – denn der Niedergang hat ein Ende. Sie aber wird sein.
Zärtlich wiegt sie mich an ihrer Brust. Ich bin ein Teil von ihr, ein ferner, abgewandter zuweilen, ein verlorener. Doch ich kehre heim in meinem Herzen, ich will sie um Vergebung bitten für meine Abwendung und meine Fernweh. Was für ein Schicksal uns doch verbindet? In ihrem Schoße gebettet hat eine andere nach mir gerufen, und ich ging diese andere suchen, denn anders war meine Sehnsucht nicht zu stillen. Mein Gemüt erzog ich anders, eine andere Sprache nahm ich an, die Kultur, vielleicht auch die Art zu fühlen.
„So, wie es ist, ist es richtig“, – sagt mir mein Urquell – „es ist unser Schicksal einander aus der Ferne zu lieben. Selten schätzt der Mensch, was ihm vergönnt. Wie soll man die Größe eines Berges erfassen, wenn man sich auf der Spitze befindet? „[…] Auge in Aug‘ sieht man nicht das Gesicht; Aus der Entfernung nur sieht man das Wahre [...]“[1]. Dein großer Dichter wusste diese simple Wahrheit. Jetzt weißt auch du sie. In diesem Leben konnte ich nicht für dich sorgen; das Recht des Stärkeren plagt und peinigt mich. Du hast die andere gerufen, die dich auch erfüllt; nur kannst du es in diesem Augenblick nicht erfassen, da du auf der Spitze ihres Berges stehst. Deine Seele ist uns beiden verbunden und es ist dein Los, eine von uns stets missen zu müssen.
Deine Umrisse willst du finden? Wozu brauchst du sie? Mir hat man im Laufe der Jahrtausende so viele eingebrannt und sie schmerzen wie Narben. Niemand, den ich an meiner Brust gesäugt habe, denkt an meine Grenzen – er denkt an meine Weiten. Nicht in Umrisse sollst du dich einzwängen; in Grenzenlosigkeit sollst du dich ergehen! Sei so groß wie du nur kannst; widerstehe jeder Form, außer der, die dein Herz dir gerade vorgibt. …“
Geliebte Mutter, wenn du nur wüsstest, welche Realität ich mir geschaffen – wie soll ich es schaffen, all diese Größe in meiner schrankvollen Welt zu entfalten? Wie ein Adler im Käfig krümme ich mich – kein Raum ist da, meine Flügel zu entfalten. Nur die Erinnerung an weite Himmel ist geblieben.
„Nicht doch, mein Kind. Ist es schon alles, was du in mir wiederfindest? Die Grenzlosigkeit in Raum und Empfindung? Warum beschränkst du deine Kraft und legst dich selbst an die Kette? Wer so weit sein kann und so tief zu fühlen keine Angst kennt – ist dieser jemand denn nicht tapfer? Und ist Tapferkeit denn keine Tugend? Und Tugend nicht eine Stärke? Und ist Stärke nicht die Kraft? Ich sagte dir schon einmal, dass dein Käfig selbstgebaut ist; breite die Flügel aus und reiße ihn nieder!
Nur diesen einen festen Punkt in dir brauchst du, um dich aufzurichten. Du selbst bist dieser Punkt und ich in dir. Wie ich so stark sein konnte, willst du wissen? Unter allen Umständen mich befreien, auferstehen, sein – und groß sein, denn anders bin ich nicht? Ich konnte es durch meine Kinder. Zu jeder Zeit bin ich im Angesicht derer, die für meine Weiten ihr Leben der Ewigkeit zurückgeben – um von mir für das nächste Mal noch mehr Größe mit auf den Weg zu bekommen.
Denke an dich, mein fernes Kind. Wie bist du bis jetzt auferstanden, wenn es an der Zeit war? Doch nur, weil du wusstest, dass es an der Zeit war. Und woher kam deine Kraft, die Kreuz des Karmas zu tragen? Aus dem Verständnis, dass es sein muss – denn anders ist es nicht. Hast du dich noch nie gefragt, warum du das stets so gut konntest? Weil du in dir drin so grenzenlos bist, wie ich es dir zu sein scheine. Ich kann spüren, wann du mich brauchst; ich lebe in dir und erfülle deine Seele.
Wenn du kämpfst, bist du nicht allein – all meine Söhne, die vor dir gewesen, hallen in dir nach, was immer du tust. Meinen Segen hast du in der Ewigkeit, wie meine Liebe. Deine Ahnen sind der feste Punkt, den du suchst. Rufe sie, sie werden kommen. Frage sie, sie werden antworten. Lass dich fallen, sie werden dich tragen; haben es schon immer getan.“
Wie betäubt stehe ich da und sehe der Sonne beim Erwachen zu. Das Leben ist einfach; die Suche nach Glück, diesem Heiligen Gral einer jeden Existenz und die allwissenden Philosophen machen es kompliziert. Wir kommen auf diese Welt, um zu lieben und um unserem Herzen zu folgen. Das ist das Glück. Das ist der eine feste Punkt in dunkler Nacht. 

Dienstag, 16. Juni 2015

Iljas Welt



Das gräulich-gelbe Licht gab die Sicht frei und der Weg wurde. Staubig und kahl schlängelte er sich in eine Weite, die für das Auge nicht fassbar war. Kein Busch, kein Stein am Wegesrand, nur eine deutliche Kontur, hinter der das Nichts begann. Er wusste nicht, wohin der Weg ihn führt, aber es gab keinen Anderen. Er hätte sich gerne umgedreht, um zu sehen, woher er kommt, doch stattdessen machte er einen Schritt nach dem anderen und mit jedem weiteren Schritt sah er das nächste staubige und kahle Stück Weite. Nach einer Weile konnte er neben der deutlichen Kontur einen Umriss erkennen, der sich nach vielen Schritten in die Silhouette eines Baumes verwandelte. Es war ein Apfelbaum von niedrigem Wuchs und mit einer breit gewucherten Krone, der sich in herbstlichen Farben ohne eine einzige Frucht unter dem Gewicht seiner Jahre zu Boden neigte. Eine prachtvolle Erscheinung, umgeben von grauen Staubkörnern gelber Luft. Hinter dem Baum, rechts und links, begannen kleine Hütten, gepflegt und wohnlich eingerichtet, ohne dass auch nur ein Mensch zu sehen wäre. „Mein Haus“, fiel ihm ein, „ich habe den Hund im Obstgarten toben lassen und die Haustür ist nicht abgeschlossen…“. Ja, das Haus, da kam er her. Ein niedriges Steinhaus aus weißen Ziegeln mit spitzem Dach und einer Holztreppe vor dem Eingang, dessen Fenster in Richtung des Weges ausgerichtet sind. Dort nahm alles seinen Anfang. Wohin ging er nur so unerbittlich? Er wusste es nicht; er hatte kein Ziel; alles, was er von sich selbst wusste, war, dass er aus seinem Haus kam, dort an der Küperkoppel. Er wusste noch wie er aufwachte in einem winzigen Zimmer mit einem großen Fenster, alles in kindlich bläulichen Pastelltönen und Plüsch. Er verließ das Bett, um mit dem Hund den Aufgang der Sonne zwischen den zarten Blüten der Apfel- und Kirschbäume zu sehen, aber die Sonne kam nicht, deswegen ist er auf diesem Weg. Deswegen? Er sucht die Sonne entlang eines Staubpfades? Er versuchte nach oben zu sehen, doch in seinem Blickfeld war allein der Weg, der sich, soweit das Auge reichte, zwischen den Häusern dem Horizont entgegen krümmte. Sehnsucht überkam ihn. Warum ist denn niemand zu sehen? Der Apfelbaum, das Einzige, was in der sichtbaren Umgebung Farbe hatte, war entschwunden. Vielleicht würde er noch einen sehen, wenn er nur lange genug weitergeht? Er versuchte sich auf das Fortkommen zu konzentrieren, doch jede Bewegung hörte auf. Er stand still und bewegungsunfähig mitten auf dem staubigen Weg, im Blick die leeren Hütten neben der dunklen Kontur. Sonst nichts…

Ilja öffnete die Augen, richtete sich ein wenig auf und sah sich um: Nein, es gab keinen Hund. Auch keinen Obstgarten. Gab es den Weg?

Monddialog #2



Hinter meinem Fenster ist es noch immer heller als es im Zimmer ist. Ich warte voller Sehnsucht auf die Dunkelheit – ich brauche dich, du weiser Erdtrabant. Wie ich schon sagte, gibt es sonst niemanden, dem ich mein Herz öffne. Und es gibt sonst niemanden, der mein Herz versteht.
Ich zünde eine Kerze an und stelle sie auf das Fensterbrett und meinem Freund zu Füßen. So ist sie am besten sichtbar und ich kann ihr Feuer beschwören und anrufen um die eine Stimme in der nahenden Nacht. Die Dunkelheit birgt ein besonderes, ihr ganz eigenes Geheimnis und ihre Farbe, dieses verschwendende Dunkelgrau, verleiht ihr die Macht, alles um sich herum ihr eigen zu machen. Sogar Gedanken, die keine feste Form haben, kann sie vereinnahmen und sie umformen nach ihrem Belieben und Gutdünken. Umhüllt von der Dunkelheit und ihrer Macht erlegen, tausche ich die stumpfe Leere in meiner Brust gegen die Vorahnung eines düsteren Mysteriums, das mir bevorsteht. Ich tauche ein und lasse mich fallen.
„Einsamkeit – hast du sie nicht erfunden? Ich erinnere mich an Zeiten, da wolltest du in einem Kloster leben, nur um allein zu sein. Und jetzt weinst du darum?“
„Ich weine doch nicht um die Einsamkeit. Wie auch, ich bin nie allein. Ich weine um das Unverstanden-Sein. Das ist eine andere Einsamkeit, als die, die ich im Kloster zu finden erträumte. Siehe dich an – du bist auch nie allein. Alle schauen zu dir auf, du schaust zu allen darnieder. Aber es hat dich noch keiner gefragt, was du fühlst, oder? Hat dir jemand schon unterstellt, du fühltest etwas Bestimmtes oder tätest es nicht? Hat es dich geschmerzt?“
„Du armes Herz, ich bin ein Himmelskörper. Hast du eine Vorstellung, wie lange ich bereits die Zeit begleite? Ich bin über die Nichtigkeiten der menschlichen Empfindung erhaben. Ich bin mit mir und Allem, Was Ist im Reinen – wie sollte ich etwas anderes als Liebe erfahren?“
„Ich bin ein Mensch. Ich bin schwach. Ich leide.“
Ich suche Gründe und einen Ort für mein schweres Herz. In meinen Gedanken ziehe ich los in die umliegende Weite und finde den Ort, der meine Schwermut kennt. Das monumentale Gelände der Gedenkstätte Neuengamme, welches heute noch das Leid des Gewesenen umweht; ich passiere es, um der Zeit und ihrer ewiglichen Vergänglichkeit Respekt zu zollen.
Die Zeit, der geheimnisvolle Magier des Lebens, ob es etwas gibt, dass sie noch nie gesehen hat? Sie kennt alles, was ist und war, zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz; das lange Leid und das kurze Glück. Nur Wenige hatten die Ehre, so lange mit der Zeit zu gehen, bis auch sie die irdische Vergänglichkeit erfassten.
Der ewige Zyklus der Entstehung und des Niedergangs, dem alles Irdische von Anbeginn an geweiht ist; Königreiche und Religionen, die ihrer selbst gehuldigt haben, bis ihre Anhänger zu Staub zerfallen und alles Andenken an diese Gefallenen seinen Sinn entbehrt hat. Manchmal hat es ganze Jahrhunderte lang gedauert und viele Generationen sind gekommen und gegangen bis alles Gedenken unter einer Lavaschicht verborgen wurde.
Doch kaum hat die Zeit einen Zyklus zu Grabe getragen, da hat das Leben bereits mehrere neue sternenwärts keimen lassen.  
Das Leben, dieser ewige Impuls der Möglichkeiten, in welcher Beziehung steht es zu der Zeit? Ist die Zeit der stille Begleiter, der alles Werden und Vergehen in der Erdschicht konserviert, bis der blinde Zufall oder die adleräugige Voraussicht die Zeit anweist, das Verborgene preiszugeben? Oder ist sie des Lebens Gegenspieler, die alles, was je emporstieg, gnadenlos dem Tode weiht, auf dass der Impuls aufs Neue genährt werde?
Das Archiv der Gedenkstätte ist seit 1981 mühsam und gegen vielerlei Widerstand aufgebaut worden. Die Menschen gedenken nicht grundsätzlich gerne, manchmal muss man sie davon überzeugen, dass etwas ihrer Erinnerung würdig ist.
Wir bewerten die Historie. Wir geben dem Geschehenen eine Bedeutung oder wir sprechen sie ihm ab.
Es hat eine Zeit gegeben, da war die Vernichtung von Karthago ein jedes Ausmaß an Gräueltat übersteigendes Ereignis. Aber nach gut zwei Tausend Jahren legt niemand mehr Blumen an ein Monument nieder. Es wird noch in den Schulen unterrichtet, doch niemand weint mehr darüber, niemand errichtet Gedenkstätten.
In zwei tausend Jahren wird da noch jemand an die Opfer der ersten beiden Weltkriege gedenken?
Steht das Gedenken an ein Ereignis in irgendeiner messbaren Relation zu diesem Ereignis? Die Menschen mögen den Eindruck haben, dass eine Begebenheit umso bedeutender und nachhaltiger sei, je intensiver ihrer gedacht wird – und für eine Weile mag das sogar stimmen. Doch was geschieht, wenn die Erinnerung verblasst? Büßt das Geschehene automatisch an Bedeutung ein?
Aus der Sicht der Zeit betrachtet, sind Ereignisse doch nichts weiter als mit Daten und Namen versehene Abschnitte. Bedeutung wird ihnen durch die Menschen verliehen. Und sobald die Menschen aufhören, einer Begebenheit ihre Bedeutung beizumessen, wird diese zu einer weiteren Kerbe auf der Messlatte der Zeit.
Die Neuengammer Landschaft, ein kahles Stück Land, voll von Feldern; allein um die Gedenkstätte wurden Bäume gepflanzt, die zwar weder der Sicht noch dem Wind das ungehinderte Passieren verweigern, den Ort aber erhöhen, ihn auf ihre Wurzeln wie auf einen Podest stellen.
Ich frage mich, ob wir imstande sind, aus der Geschichte zu lernen? Die positive Antwort auf diese Frage ist eine der Grundsäulen im Rechtfertigungsversuch der Geschichtswissenschaft um den Vorwurf ihrer Begründung und Wissenschaftlichkeit.
Geschichte ist wichtig, damit die Menschheit daraus lernen kann – was hat die Menschheit gelernt?
Wir gedenken den Schrecken unserer Vergangenheit in der Hoffnung, auf diese Weise daraus gelernt zu haben und sie nicht zu wiederholen.
Doch unsere Gegenwart steht nicht unter dem Primat der aus der Geschichte gewonnenen Wahrheit und Weisheit. Unsere Gegenwart steht unter dem Primat der Politik – geleitet von Menschen, deren Absichten, Motivationen und Taten, mit ganz wenigen Ausnahmen, zweifelhaft oder gar unehrenhaft sind.
Wir sind wandelnde im Nebel. Unsere Vergangenheit ist ein Produkt selektiver Analyse und die zwielichtigen Führer der Gegenwart gebrauchen sie für das Tagesgeschäft der Politik.
Wir errichten Denkmäler, legen Blumen nieder, wollen, dass sich die Vergangenheit niemals wiederhole – doch kann eine Wiederholung der Geschichte dadurch verhindert werden, dass die Furcht vor dem Leid hoch gehalten wird?...
Nein, sie kann es nicht. Die jüngsten Ereignisse zeigen es. Die Menschen können jederzeit einander Feind werden und Schreckliches aneinander verüben.
Das Morden in der Geschichte hat noch nie aufgehört. Einige von uns haben nur Glück und sind so weit davon entfernt, dass ihnen durch Nachrichten und Zeitung eingeredet werden kann, dass es entweder keinen Krieg gäbe oder dass er geführt werde, um Menschlichkeit zu verteidigen.
Menschen, die dem Geschehen nahe sind, kann man so etwas nicht einreden – sie sehen den Tod, diesen Schatten des Krieges auf ihren Straßen. Sie wissen Bescheid.
Aber uns, die wir den Krieg nie erlebt haben, kann man einreden, dass tote Separatisten eine gute Nachricht seien.
Die Geschichtswissenschaft ist ein Opfer der Manipulation – Kriege sind immer das Tagesgeschäft der Politik. Wenn sie lange genug her sind und das Leid uns nicht mehr ergreift, besteht eine kleine Chance, sie als das zu entlarven, was sie schon immer waren: Eine große Tragödie ohne jede Bedeutung.
Wozu dann die Gedenkstätten? Wozu die Denkmäler und die Moral, die wir so gern aus der Geschichte gelernt hätten?
Das gibt uns das Gefühl des Unterschiedes zwischen Richtig und Falsch. Diese Gefühle nähren unsere Überzeugungen, die wir haben und für die wir einstehen, mit Worten und Taten. Wir führen Kriege und beschuldigen die jeweils anderen – unterscheiden wir uns denn überhaupt von einander?
Nein, das tun wir nicht. Wir sind Menschen, sind schwach, einsam und wir leiden. Wir leiden, weil unser Gegenüber nicht unseren Pathos, unsere Euphorie oder unsere Überzeugung teilt. Wir leiden, weil er sie nicht zum Ausdruck bringt oder weil er sie zum Ausdruck bringt. Manchmal sehen wir uns von den verschiedenen Ufern unserer Empfindung aus an und leiden gleichzeitig um den jeweils anderen. Gibt es denn kein Entrinnen?
„Möchtest du denn entrinnen? Glaubst du nicht viel eher, in dem von dir beweinten Leid diejenige Weisheit zu finden, für die du auch zu leben glaubst?“
„Wie viel der Weisheit ist nötig, um nicht mehr zu leiden?“
„Armes Kind. So lange übst du schon und hast noch immer nicht begriffen, dass sie unbegrenzt sind – das Leid und die Weisheit. Du allein bestimmst, wie viel du von beidem brauchst. Alles hängt von deiner Frage ab.“
Ich schrecke hoch. Die Kerze ist niedergebrannt und ihr Docht erliegt seinen letzten Zuckungen. Halb zitternd übergebe ich die Kälte meinem Bademantel und verlasse meine Denkkanzel. Frage… Was für eine Frage, in der Fülle der Möglichkeiten? „Na die, die dir auf der Seele brennt“, sagt der Mond gütig. „Du weißt schon, die eine, die so einfach klingt und doch nicht beantwortet werden kann – warum bist du hier?“